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    Kapital Digital | 4 Min Lesedauer

    Mittelstandsfinanzierung in Deutschland: Wohin geht die Reise?

    Die Mittelstandsfinanzierung wird sich in den kommenden Jahren wandeln. Grund dafür ist das Basel III-Reformpaket, das den Kapitalzugang von KMU unmittelbar betrifft. Aktuell dominiert der klassische Bankkredit. Doch wie lange noch?

    August 2019, Bundeswirtschaftsministerium Berlin: Peter Altmaier stellt die Mittelstandsstrategie der Öffentlichkeit vor. Für ihn ist der deutsche Mittelstand nicht nur Wirtschaftsmotor, sondern auch „einer der zentralen Faktoren des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland.“ Mittelständische Unternehmen aus Deutschland werden weltweit bewundert. Sie sind Innovationsmotor und Arbeitgeber. Sie gehören in vielen Bereichen zur Weltspitze und sind ein Garant für die stabile wirtschaftliche Stellung der Bundesrepublik.

    Der KMU-Faktor

    Damit das auch in Zukunft so bleibt, nimmt der Bundeswirtschaftsminister in seiner Strategie vor allem Steuererleichterungen, Bürokratieabbau und Investitionen in die Digitalisierung in den Fokus. Zur Mittelstandsfinanzierung findet sich hingegen nur wenig. Das Positionspapier trägt als Hauptanliegen vor, dass der KMU-Faktor beibehalten werden soll. Er besagt, dass kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) gegenüber Banken reduzierte Eigenkapitalforderungen vorweisen müssen – und so leichter an Kredite gelangen.

    Zwar ist der KMU-Faktor ein wichtiges Instrument, um den Kapitalzugang für KMU in Europa zu gewährleisten. Doch er hilft vielen deutschen Unternehmen nur wenig, da er erst bei kleineren Krediten unterhalb von 1,5 Millionen Euro greift. Hierzulande fallen gerade einmal 18 Prozent der vergebenen Kredite an Mittelständler in diese Kategorie.

    Mittelstandsfinanzierung  durch Basel III  im Wandel

    Dezember 2017, BIZ-Turm Basel: Nach mehrjährigen Verhandlungen haben sich die internationalen Notenbankchefs und Bankenaufseher im Basler Ausschuss auf die Finalisierung der internationalen Bankenstandards Basel III: Finalising post-crisis reforms geeinigt. Es ist ein Meilenstein, denn mit ihr ist die grundlegende Reform der globalen Bankenregulierung nach der Finanzkrise vollendet. Das Reformpaket regelt die Berechnung der Eigenkapitalanforderungen für Banken neu.

    Die neuen Basel III-Regelungen sind einschneidend – für Banken und Unternehmen. Sie schreiben vor, dass die Kreditinstitute demnächst grundsätzlich 10,5 Prozent Eigenkapital vorhalten müssen. Bisher waren es lediglich acht Prozent. „Damit steigt die Kapitalanforderung der Bank unabhängig von der Ausfallwahrscheinlichkeit beziehungsweise dem Rating des Unternehmens um ungefähr ein Drittel“, rechnet der deutsche Industrie- und Handelskammertag vor.

    Erschwerter Kapitalzugang für Mittelständler

    In den Überlegungen des Basler Ausschusses spielt der KMU-Faktor indes keine Rolle. Er ist kein Bestandteil in den neuen Bestimmungen von Basel III. Sein Wegfall trifft insbesondere die deutsche Wirtschaft, die wesentlich stärker von mittelständischen Strukturen geprägt ist als andere europäische Volkswirtschaften. Ohne den KMU-Faktor ist es für Mittelständler deutlich schwieriger, einen Bankkredit zu erhalten. Sie werden künftig mit höheren Finanzierungskosten oder Anforderungen an Sicherheiten rechnen müssen. Auch risikoreichere Finanzierungen, wie die von Start-ups, werden erschwert.

    „Das bringt viele kleine und mittelständische Unternehmen unter Zugzwang, denn europäische Mittelständler sind mit 70 Prozent besonders stark von einer Bankenfinanzierung abhängig“, sagt Kai Gerdes, Direktor Analyse bei Euler Hermes. Der Weltmarktführer für Kreditversicherungen hat in einer jüngst erschienenen Studie die Auswirkungen von Basel III auf die Finanzierung des deutschen Mittelstands untersucht.

    Heterogene Finanzierungsstruktur schaffen

    Die Mittelstandsfinanzierung sieht sich in den kommenden Jahren also weitreichenden Veränderungen gegenüber. Die Vergabe klassischer Bankkredite wird erschwert. Die Finanzierung ohne Bank wird keine Ausnahme mehr sein. Gleichzeitig erfordern die internationalen Handelskonflikte ein schnelles und flexibles wirtschaftliches Handeln. Dafür muss oftmals in kurzer Zeit Kapital zur Verfügung stehen. Welche Möglichkeiten zur Kapitalaufnahme haben Mittelständler in Zukunft?

    „Alternative Finanzierungsformen gewinnen deutlich an Bedeutung“, ist sich Kai Gerdes sicher. Ob Crowdinvesting, Crowdlening oder Factoring: Die Mittelstandsfinanzierung wird heterogener werden. Sie muss sich breiter aufstellen und Ausschau nach Alternativen halten. Es wird also definitiv Bewegung in das Geschäft mit der Finanzierung von kleinen und mittelständischen Unternehmen kommen. Einige Mittelständler, wie z. B. Eisele, gehen bereits voran und nutzen Crowdinvesting als Finanzierungsinstrument.

    KMU lassen alternative Finanzierungspotenzial noch ungenutzt

    Tun KMU das auch? Eine 2018 erschienene Studie der Finanzierungsplattform Compeon fand heraus, dass Mittelständler alternative Finanzierungspotenziale in großem Umfang ungenutzt lassen. In der Studie wurden 300 Entscheider aus mittelständischen Unternehmen befragt, von denen fast Dreiviertel nur über eine oder maximal zwei Bankverbindungen verfügen. Hingegen zahlen Firmen, die über mehrere Finanzierungsoptionen verfügen, im Schnitt 20 Prozent weniger. KMU sind also nicht nur aufgrund des neuen regulatorischen Umfelds dazu angehalten, sich neue Finanzoptionen zu suchen. Sie profitieren auch finanziell von einem diverseren Kapitalzugang.

    Noch sieht es allerdings nicht nach weitreichenden Veränderungen aus. Mittelständische Unternehmen sind bei der Nutzung von internetbasierten Finanzierungsmöglichkeiten noch zurückhaltend. Laut der aktuellen Finanzierungsstudie Mittelstand der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ebner Stolz setzen 93 Prozent der Unternehmen auf das klassische Bankgeschäft.

    Bewusstsein für alternative Mittelstandsfinanzierung

    Das liegt unter anderem an der Unkenntnis über das FinTech-Angebot sowie Bedenken hinsichtlich Rechts- und Sicherheitsrisiken. Wenngleich die Studie auch besagt, dass jeder zweite Geschäftsführer eines Mittelständlers FinTechs zukünftig eine bedeutende Rolle bei der Mittelstandsfinanzierung beimisst.

    Erste Anbieter wie Kapilendo und Fincompare haben die alternative Mittelstandsfinanzierung bereits in den Mittelpunkt ihres Geschäftsmodells gerückt. Ob FinTechs aber eine Rolle zufällt, die den klassischen Bankkredit ergänzt oder sogar Konkurrenz macht, ist noch ungewiss. Vor allem Unternehmen mit schwacher oder mittlerer Bonität werden verstärkt um die nötigen Bankkredite ringen müssen. Hier sind Alternativen gefragt. Auch Branchen wie die Gastronomie, die schon jetzt kaum Chancen auf eine Bankfinanzierung haben, werden dann vollständig gemieden. Für sie können alternative Finanzierungsformen zunehmend wichtiger werden – oder sind es schon heute.

     

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