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    Kapital Digital Featured | 4 Min Lesedauer

    Stefan Loipfinger: „Der Finanzvertrieb muss sich konsequent digitalisieren“

    Der Finanzvertrieb habe die Digitalisierung verschlafen, sagt Verbraucherjournalist und Finanz-Experte Stefan Loipfinger. Im Interview erklärt er, woran das liegt und was sich jetzt ändern muss, damit die Branche endlich aufwacht.  Außerdem sprechen wir darüber, in welche Richtung sich das Geschäft von Anbieter- und Vermittlerseite zukünftig entwickeln könnte. 

    Herr Loipfinger, wie sehen Sie den derzeitigen Finanzvertrieb in Sachen Digitalisierung aufgestellt?

    Der ist extrem schlecht aufgestellt. Vertriebs- und Anbieterseite haben die Digitalisierung komplett verschlafen. Vielleicht wird ein Formular zwar in PDF-Form erfasst, aber der Zeichnungsschein wird dann immer noch in Papierform hinterhergeschickt – und das ist dann Digitalisierung. Hier wurde sehr viel verpasst in den vergangenen Jahren. Im Bereich von FinTechs, die einen digitalen Finanzvertrieb anbieten, funktioniert es hingegen. Hier ist es irrelevant, ob 500 oder 5.000 Euro investiert werden, und ob das 100 oder 1.000 Anleger tun. Die Prozesse sind vollständig digitalisiert.

    Um im Bild zu bleiben: Sind Vertriebs- und Anbieterseite aufgewacht in Sachen Digitalisierung?

    Zu manchen ist das sicher schon durchgedrungen. Die Digitalisierung von Prozessen passiert aber bei vielen nur stückweise. Man digitalisiert einige kleinere Prozesse ein bisschen, nimmt sich aber der grundlegenden Sache nicht an. Bestehende Systeme werden scheibchenweise umgebaut. Das ist immer nur etwas Halbes und nichts Ganzes. Daraus können sich aber keine durchgängig funktionierenden digitalen Prozesse entwickeln. Vielmehr sollte das Stückwerk aufhören. Wenn man konsequent digitalisieren möchte, muss man ganz vorne damit anfangen und die bisher bestehenden Prozesse einstellen.

    CrowdDesk_Stefan Loipfinger_Digitalisierung des Finanzvertrieb

    Woran könnte es liegen, dass das nicht getan wird?

    Zum einen ist es immer noch tief in den Köpfen der Menschen verankert, dass es nicht anders gehen kann, weil 30 Jahre nach diesen Prinzipien gearbeitet wurde. Hier muss ein grundlegendes Umdenken stattfinden. Nicht umsonst werden FinTechs vor allem von jungen Menschen gegründet, die nicht vorbelastet an die Thematik herantreten und die Dinge anders sehen und denken. Ein anderer Punkt ist der immer noch vorherrschende Glaube, dass Finanzgeschäfte Face-to-Face-Geschäfte sind. Viele wollen nicht glauben, dass auf digitalem Weg auch 10.000 Euro investiert werden, was heute ja bereits täglich der Fall ist.

    Anbieter- oder Vertriebsseite: Wer profitiert am Ende des Tages am meisten von der Digitalisierung seiner Prozesse?

    Beide Seiten können gleichermaßen davon profitieren. Der Anbieter, weil er sich Kosten spart, wenn er die Prozesse vollständig digitalisiert. Aber auch Finanzvermittler, die nach dem ersten persönlichen Kontakt mit den Anlegern diese auch bequemer digital betreuen können. Wenn man einen Kundenkreis mit einer gewissen Größe hat, dann können digitale Prozesse den Vermittlern vieles erleichtern und es steigert die Effektivität.

    Schauen wir auf die andere Seite. Welche Vorteile sehen Sie für Investoren bei einer Digitalisierung des Finanzvertriebs?

    Investoren können sich online unabhängig von Uhrzeit und Ort über Kapitalanlagen informieren. Man ist also nicht mehr von gängigen Büro- oder Geschäftszeiten abhängig. Digitale Prozesse laufen außerdem ohne bürokratische oder verwaltungstechnische Hürden ab. Die digitale Zeichnungsstrecke wird dadurch kostenschlanker, wovon Investoren auch profitieren.

    „Emittenten und Vermittler: Beide Seiten können von der Digitalisierung profitieren.

    Gibt es Risiken für Investoren bei der Digitalisierung der Prozesse?

    Auch die gibt es. Wer seinen Finanzvertrieb digitalisiert, der muss auf die Geeignetheit der Anleger achten, damit nicht die Falschen zeichnen. Sprich: Ist dieses Finanzprodukt auch das richtige für den jeweiligen Anleger?

    Was wäre ihr Vorschlag, um dem entgegenzuwirken? Es gibt ja bereits umfassende Informationen und prominent platzierte Warnhinweise.

    Ich denke, die Abfrage bei der digitalen Zeichnungsstrecke muss noch umfangreicher sein. Durch zusätzliche Fragen kann ermittelt werden, ob das vorliegende Finanzprodukt das richtige für den Anleger ist, und ob er sich ausreichend damit beschäftigt. Hier sind Anbieter und Vermittler gefordert, langfristig zu denken und auf kurzfristige Erfolge zu verzichten. Die im Zeichnungsprozess gesetzten Zustimmungshaken sollten um weitere Fragen ergänzt werden, um Fehler bei der falschen Zielgruppenansprache zu vermeiden.

    Wie sehen Sie die generelle Bereitschaft von Anlegerinnen und Anlegern, Kapitalanlagen im Internet zu zeichnen?

    Das wird eine Generationenfrage sein. Anleger nehmen das von Jahr zu Jahr besser an und das Bewusstsein dafür wächst ständig. Für jüngere Generationen sind solche digitalen Zeichnungsprozesse selbstverständlich, weil sie mit digitalen Instrumenten aufgewachsen sind. Die Bereitschaft, das auszuprobieren – gerade bei kleineren Zeichnungssummen – ist größer. Dennoch sind das immer noch Prozesse, die Zeit brauchen, bis sie sich durchgesetzt haben. Das wird nicht von heute auf morgen passieren.

    Finanzinstitute verschwinden nicht sofort, aber sie werden nach und nach Marktanteile verlieren und dann nicht mehr am Markt präsent sein.

    Liegt die Zukunft des Finanzvertriebs in einer Mischung aus analog und digital? Oder setzt sich eine Seite am Ende doch durch?

    Ich würde mir wünschen, dass es weiterhin digitale und einfache Zeichnungswege für aufgeklärte Anleger gibt. Dennoch sollte es auch weiterhin die persönliche Beratung bei Kapitalanlagen und Anlegern geben, die beratungsintensiver sind. Bei solchen Gesprächen sollte es um Grundsätzlicheres gehen: weg von einem reinen Verkaufs- und hin zu einem Beratungsgespräch, das zu den Finanzprodukten führt, die für den Anleger am meisten Sinn machen.

    Verschwinden Finanzinstitute, die sich der Digitalisierung verschließen?

    Nicht sofort. Wer sich dem verschließt, der wird nicht morgen weg sein. Aber der wird nach und nach Marktanteile verlieren – und dann vielleicht in zehn Jahren tatsächlich nicht mehr am Markt präsent. Deshalb sollte man sich jetzt der Thematik nicht verschließen, sondern offen damit umgehen und prüfen, welche Möglichkeiten es gibt. Und damit meine ich nicht, dass das Faxgerät oder die E-Mail die Post ersetzt. Digitalisierung muss viel grundsätzlicher gedacht werden.

    Vielen Dank für das Gespräch, Herr Loipfinger!

     

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