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    Kapital Digital | 5 Min Lesedauer

    Start-up-Finanzierung: „Wir brauchen den Mentalitätswandel“

    Ob Gründungs- oder Wachstumsphase: Alle Startups eint die Frage nach der Finanzierung ihrer Geschäftsidee. Wie sieht die Situation in Deutschland aus? Darüber haben wir mit Christoph J. Stresing, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutsche Startups, gesprochen.

    Herr Stresing, laut einer Bitkom-Studie denken 27 Prozent der deutschen Start-ups über einen Umzug ins Ausland nach. Als einer der Hauptgründe wird die schlechte Finanzierungssituation genannt. Ist Deutschland als Standort für Start-ups nicht attraktiv genug?

    Es geht nicht darum, den Standort Deutschland schlecht zu reden. Aber es stimmt: in puncto Finanzierung gibt es erheblichen Nachholbedarf. Das führt dazu, dass sich Start-ups zwangsläufig auch im Ausland nach Finanzierungsquellen umschauen müssen, um weiter wachsen zu können. Die Überlegung abzuwandern, würde ich allerdings nicht ausschließlich auf das Thema Finanzierung zurückführen.

    Was sind weitere Gründe?

    Die hohen bürokratischen Hürden sind ein ganz entscheidender Faktor. Die Gründung und der Aufbau werden vielen Unternehmern immer noch erschwert. Auch die Beteiligung von Mitarbeitern an Start-ups muss attraktiver werden, um die besten Talente gewinnen und binden zu können. Wir brauchen einen generellen Mentalitätswandel in der Politik und  in der Verwaltung. Über Start-ups und deren Bedeutung für die Volkswirtschaft wird zwar viel geredet,  konkrete Verbesserungen, wie etwa im Koalitionsvertrag vorgesehen,  bleiben aber aus.

    Auch das führt dazu, dass viele Start-ups von der Politik enttäuscht sind und mögliche alternative Standorte an Bedeutung gewinnen.  Oft geht es bei Abwanderungen aber auch um die Erschließung neuer Märkte, wie zum Beispiel in den USA. Dort steht zwar deutlich mehr Venture Capital zur Verfügung, aber auch die Marktchancen sind dort für viele Start-ups andere als in Deutschland oder Europa.

    „Viele Startups sind von der Politik enttäuscht“

    Wieso sind Investoren hierzulande zurückhaltender?

    Investoren sind hier nicht unbedingt zurückhaltender. Aber in Deutschland steht einfach weniger Wagniskapital zur Verfügung. Das begrenzt die Investitionsmöglichkeiten. Es gibt allerdings immerhin eine positive Entwicklung: In den vergangenen Jahren sind die Venture Capital-Aktivitäten deutlich gestiegen, das ist erfreulich. Allerdings sind deutsche Investoren in späteren Finanzierungsrunden weiterhin kaum dabei.

    Warum nicht?

    Es gibt für große Finanzierungsrunden, wie z. B. zuletzt bei N26, Flixbus oder getyourguide kaum „deutsche“ Venture Capital-Fonds, die in Frage kommen. Das ist ein strukturelles Problem in Deutschland. Wir haben zu wenig großvolumige Venture Capital-Fonds, die große Finanzierungsrunden stemmen können. Auf längere Sicht hat das für den Wirtschaftsstandort negative Auswirkungen. Denn stark wachsende, innovative Unternehmen werden überwiegend von Fonds aus den USA oder aus Asien finanziert.

    Startup-Barometer Deutschland EY

    Obwohl für Investoren das größere Risiko in frühen Finanzierungsrunden liegt.

    Absolut – und das ist in gewisser Weise paradox. Denn je etablierter ein Unternehmen ist, desto zukunftsfester ist es ja grundsätzlich.  Venture Capital-Fonds sind in Deutschland aber zu klein für späte und große Finanzierungsrunden. Für institutionelle Investoren, wie z. B. Versicherungen, die große Tickets investieren, sind Investments in Venture Capital-Fonds daher schwer darstellbar. Vereinfacht gesagt heißt das: Weil VC-Fonds zu klein sind, werden keine großen Tickets investiert – und sie sind so klein, weil keine großen Tickets investiert werden. Das ist ein Teufelskreis, der mit einer Änderung der Rahmenbedingungen für institutionelle Investoren oder mit der Initiierung eines Dachfonds durchbrochen werden könnte.

    „Wir haben zu wenige großvolumige Venture Capital-Fonds“

    Gibt es grundsätzlich eine andere Risikobereitschaft in Deutschland?

    Man ist in Deutschland sicher grundsätzlich wesentlich skeptischer und risikoaverser. Die Risiken stehen im Vordergrund, nicht die Chancen. Die Konsequenz daraus kann aber nicht sein, dass wir uns damit abfinden und den Kopf in den Sand stecken. Vielmehr müssen wir den angesprochenen Mentalitätswandel schaffen. Das kann z. B. durch das Setzen von Anreizen gefördert werden.  

    Also Anreize setzen und den Mentalitätswandel schaffen, der positive Startup-Beispiele hervorbringt?

    Ja, genau. Wir müssen Erfolgsgeschichten mehr in den Vordergrund stellen. Erfolgreiche Start-ups  schaffen Arbeitsplätze  und stärken die Innovationskraft. Für andere junge Unternehmen dienen sie zugleich als Vorbilder und ermutigen zur Gründung.

    Wie wichtig sind staatliche Fördermittel für die Finanzierung?  

    In der Frühphase machen sie einen Großteil der Finanzierung aus und leisten damit einen wichtigen Beitrag für das Ökosystem. Im Bereich der Anschlussfinanzierung ist der Finanzierungsbedarf oft so groß,  dass staatliche Gelder diesen nicht stemmen können. Deswegen müssen  die strukturellen Rahmenbedingungen verbessert und Anreize geschaffen werden, damit private institutionelle Investoren einfacher in Venture Capital-Fonds investieren.

    Auf Startup-Seite kommt immer wieder die Kritik auf, dass die Politik ihre Unterstützung für die Finanzierung in der Gründungsphase zur sehr in den Fokus rückt?

    Vor ca. 15 Jahren gab es erhebliche Probleme im Bereich der Frühphasenfinanzierung. Die Politik hat dieses Problem z. B. mit der Auflage des ersten Hightech-Gründerfonds 2005 in Angriff genommen. Die Verbesserung der Situation in diesem Bereich hat auch zu einem wachsenden Kapitalbedarf in späteren Entwicklungsphasen von Start-ups geführt. Insofern muss jetzt der Fokus auf die Later-Stage gelegt werden. Insbesondere hier besteht ein Mangel an Wagniskapital. Gründerinnen und Gründer, die die ersten Schritte erfolgreich gegangen sind, dürfen auf ihrem weiteren Weg nicht allein gelassen werden. Denn das hemmt nicht nur ihr eigenes Wachstum, sondern schadet auch dem Wirtschaftsstandort. Es gilt, das eine zu tun, d. h. die Laterstage-Finanzierung zu stärken, ohne das andere zu lassen. Denn auch die Förderung in der Gründungsphase ist unerlässlich.   

    Deutsche FinTechs haben in der Vergangenheit große Kapitalsummen eingesammelt. Warum sind sie für Investoren, auch aus dem Ausland, besonders interessant?

    Der klassische Bankenbereich hat viele Entwicklungen verschlafen und Potenzial liegen lassen. FinTechs greifen dieses Potenzial auf und überführen es in erfolgreiche Geschäftsmodelle. Darauf werden auch ausländische Investoren aufmerksam. Gerade bei größeren Finanzierungsrunden gibt es, wie geschildert, zu wenige deutsche Fonds, die als Finanzierungspartner in Frage kämen. Das angesprochene Engagement ausländischer Investoren ist insofern auch Folge des Mangels an „deutschem“ Venture Capital.

    „Crowdinvesting leistet einen wichtigen Beitrag – auch über das Einsammeln von Kapital hinaus“

    Wie bewerten Sie alternative Finanzierungsformen, wie z.B. Crowdinvesting, zur Finanzierung von Startups?

    Alternative Finanzierungsformen, wie z. B. Crowdinvesting leisten einen wichtigen Beitrag – auch über das bloße Einsammeln von Kapital hinaus. Sie schaffen Öffentlichkeit, können die Reputation stärken und helfen damit, ein Image von Unternehmen zu kreieren. Crowdinvesting wird aber klassisches Venture Capital nicht ersetzen, sondern eher ergänzen.

    Was sollten Start-ups beachten?

    Es ist wichtig, sich im Vorfeld der Finanzierung genau mit Crowdinvesting auseinanderzusetzen: Wie funktioniert es? Passt es zu meinem Unternehmen, zu meiner Strategie und meinem Produkt? Hat es Auswirkungen auf weitere Finanzierungsrunden? Das sind Fragen, mit denen sich Start-ups beschäftigen sollten.  

    Start-ups haben immer wieder Vorbehalte, dass man gerade bei der Schwarmfinanzierung viel Informationen preisgeben muss – und das in einem frühen Unternehmensstadium.

    Auch hier muss man wieder abwägen. Der Umstand der höheren Transparenz sollte nicht zwangsläufig dazu führen sich dagegen zu entscheiden. Wichtig ist, sich genau zu überlegen, welche Finanzierungsform  zum Unternehmen, zur Strategie und auch zu mir als Gründerin und Gründer passt. Das gilt aber grundsätzlich immer, wenn man sich mit Investoren und Finanzierungsrunden auseinandersetzt. 

    Wie würden Sie die Möglichkeiten des Startup-Standorts Deutschland in der Zukunft bewerten?

    Wir sind ein ressourcenarmes Land. Auch deshalb ist es für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland so wichtig, Innovationen hervorzubringen und die digitale Transformation erfolgreich zu meistern. Es geht letztlich um die wesentliche Frage, ob wir unseren Wohlstand halten können. Hier ist die Politik gefordert: Wenn es gelingt, jetzt die richtigen Weichen zu stellen, sehe ich große Chancen für den Startup-Standort Deutschland. Wir befinden uns aber im internationalen Wettbewerb und haben keine Zeit mehr zu verlieren.   

    Herrscht in der Bundesregierung diese Erkenntnis schon vor?

    Da bin ich mir momentan leider nicht ganz sicher, zumindest was die Priorisierung und Dringlichkeit angeht. Schaut man sich die Start-up-relevanten Vorhaben des Koalitionsvertrags an, dann ist davon bisher sehr wenig umgesetzt worden – und fast die Hälfte der Legislaturperiode liegt bereits hinter uns. Wichtig ist, dass die Anliegen von Start-ups auch breitere Politikbereiche durchdringen, und nicht nur bei den Digitalpolitikern präsent sind.

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