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    Kapital Digital Featured | 4 Min Lesedauer

    Wie schafft man Vertrauen im Crowdinvesting?

    Vor einiger Zeit war Florence Jaouat bei einer größeren deutschen Crowdinvesting-Plattform angestellt. Ein Teil ihres Jobs bestand darin, Insolvenzen und finanzielle Verluste zu kommunizieren. Das ist zwar unangenehm, aber viel schlimmer als der Verlust an Geld sei der spürbare Verlust an Vertrauen in die Plattform gewesen, so die Wirtschaftsingenieurin. Ein Grund, warum sie sich heute mit dem Thema Vertrauen in digitale Finanzdienstleistungen beschäftigt.

    Das Fachgebiet an der Technischen Universität Berlin, an dem ich forsche, heißt „Vertrauen in digitale Dienste“. Vertrauen ist ein vielsagender und ein nichtssagender Begriff zugleich. Wir alle wissen intuitiv, Vertrauen hat irgendwie eine wichtige Rolle. Regelmäßig wird in der Politik die „Vertrauensfrage“ gestellt und vielleicht haben wir auch in unserem persönlichen Umfeld einmal feststellen müssen, dass Vertrauen schneller kaputt ist, als es aufgebaut werden kann. Warum ich viel von dem Thema Vertrauen im Crowdinvesting halte, sind seine Bedeutung für und seine finanziellen Auswirkungen auf Kapitalsuchende und Plattformen.

    In nur einem Jahrzehnt stieg die Anzahl an Plattformen im deutschen Crowdinvesting-Markt von etwa 20 auf 50 an. Zeitweilig schossen sie wie Pilze aus dem Boden – und genauso schnell verschwanden viele von ihnen auch wieder. Finance-as-a-Service Leistungen, wie jene von CrowdDesk, tragen mitunter dazu bei, dass der Markteintritt für Neueinsteiger vereinfacht wird. Die grundsätzliche Frage aber bleibt: Wie lange werden diese Plattformen im Markt bestehen? Eine nicht unwichtige Eigenschaft hierbei ist Vertrauen.

    Wie gelingt es im Crowdinvesting Vertrauen zu bilden?

    Vertrauen wird als die Voraussetzung für soziale Interaktion und, darüber hinaus, auch für geschäftliche Transaktionen gesehen. Im wissenschaftlichen Kontext spricht man von Vertrauen als die „Bereitschaft, sich abhängig zu machen.“ Das bedeutet, keinen Einfluss bzw. keine Kontrolle über die Handlungen und Handlungsergebnisse seines Gegenübers zu haben. Vertrauen bildet sich über eine Historie gemeinsamen Austauschs. Die Belastbarkeit einer Beziehung unterliegt somit der Zeit. Investitionen im Crowdinvesting sind aber häufig einmalig – für viele Investoren bleibt das erste auch das einzige Investment. Folglich können sie sich hierbei auch nicht auf bereits gemachte Erfahrungen berufen. Weiterhin ist ein wesentlicher Vertrauensbilder in der Offline-Welt die nonverbale Kommunikation, das Spiel aus Mimik und Gestik; wiederum fällt dieser Bestandteil in der Online-Sphäre weg. Wie also gelingt es im Crowdinvesting trotzdem, Vertrauen zu bilden?

    Hierbei sind zwei wesentliche Aspekte zu unterscheiden: Erstens, worin vertraue ich und, zweitens, in wen vertraue ich? Plakativ gesagt ist Vertrauen nicht gleich Vertrauen, sondern ein Konstrukt aus drei Dimensionen. Einerseits muss man in jemandes Kompetenz vertrauen können, zum Beispiel, dass ein Unternehmer die Skills besitzt, sein Unternehmen nicht gegen die Wand zu fahren. Darüber hinaus muss man darauf vertrauen können, dass sein Gegenüber einem wohl gesonnen ist, im konkreten Fall, die Crowd an Gewinnen beteiligen zu wollen. Damit eng verknüpft ist die dritte Dimension der Integrität, die auf das Vertrauen in gemeinsame Wertvorstellungen und Handlungsprinzipien hinweist.

    Vertrauen in Technologie ist Grundvoraussetzung

    Die Investitionsbereitschaft hängt aber noch davon ab, worin man vertraut. Fundamental im Crowdinvesting ist das Vertrauen in die Technologie, sprich dass Investoren dem Internet insoweit vertrauen, als dass sie bereit sind, Geschäfte darin zu tätigen. Weiterhin muss das Vertrauen in die Plattform bestehen – Knackpunkt und Grundlage für das Scheitern vieler. Ist beides vorhanden, fehlt noch das Vertrauen in das Finanzierungsprojekt. An dieser Stelle wird in der wissenschaftlichen Literatur der Schwerpunkt gesetzt, denn erst beim Investment in ein Projekt wird die Zahlungsbereitschaft erkennbar – und messbar. Eine Reihe von Signalen wird hier als für den Erfolg von Projekten determinierend genannt:

    • - darunter die Größe und Zusammensetzung des Gründerteams („Humankapital“),
    • - dessen soziales Netzwerk aus „Family und Friends“ („Sozialkapital“),
    • - die textuelle und visuelle Aufbereitung des Projekt-Pitchs
    • - sowie die Häufigkeit und Vollständigkeit von Updates während einer laufenden Kampagne.

    Dies alles hat einen erwiesenen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von Projekten, erfolgreich finanziert zu werden.

    Ein nicht zu unterschätzender Faktor, dem ich mich in meiner Forschung widme, ist das Vertrauen in andere Investoren. Crowdinvesting zeichnet sich dadurch aus, dass Investments kollektiv getätigt werden. Auch wenn die Investment-Entscheidung individuell getroffen wird, kommt eine Finanzierung im Regelfall erst dann zustande, wenn sich genügend Mitinvestoren bereiterklärt haben, sich ebenfalls finanziell zu beteiligen. Diese Verflechtung führt zu gut erforschten Phänomenen wie dem Herdenverhalten. Hierbei orientieren sich potenzielle Investoren an den Investments ihrer Vorgänger, bevor sie selbst entscheiden in ein Projekt zu investieren. Man nennt dies Lernen durch Beobachtung.

    Der Einfluss der Herde

    Die Darstellung von Investoren spielt für das Herdenverhalten eine entscheidende Rolle. Sind Investoren (und deren Investments) nicht sichtbar, kann folglich auch kein Herdeneffekt entstehen. Ob Investoren einander folgen, hängt aber auch von den verfügbaren Profilinformationen ab. Nicht nur die wahrgenommene Expertise von Investoren scheint Einfluss darauf zu haben, ob sie von anderen für vertrauenswürdig erachtet werden, sondern auch „weiche“ Informationen wie das Geschlecht oder das visuelle Erscheinungsbild. Noch weiß man relativ wenig über die Beziehungen, die zwischen Investoren bestehen. Bemerkenswert aber ist, dass sich Investoren zu koordinieren scheinen, ohne dass die Plattform darauf Einfluss hat. Anhand von mehreren tausend Investmentdaten einer deutschen Crowdinvesting-Plattform konnten wir beobachten, dass Investoren ein Netzwerk gebildet haben, in dem viele unterschiedliche Investorenpaare über zum Teil mehrere Projekte und Jahre hinweg gemeinsam investiert haben, am jeweils gleichen Tag. Kann das Zufall sein? Unsere Ergebnisse zeigen: Nein.

    Die Daten sprechen für sich, wenn es um den Wunsch von Investoren geht, sich miteinander austauschen zu wollen. Plattformen, die dies ignorieren, tragen dazu bei, dass ihre Mitglieder sich außerhalb ihre Kommunikationskanäle aufbauen. Aus Sicht aller Beteiligten wäre es klüger, wenn Plattformen das Potenzial ihrer Crowd nutzen und ihren Mitgliedern sozialen Austausch ermöglichen. Denkbar wäre der Einsatz von User-Profilen und Gamifizierung, zum Beispiel durch Badges. Plattformen könnten gut vernetzte Investoren einsetzen, um neue Finanzierungsprojekte zu promoten. Projekte könnten von den Skills ihrer Investoren Gebrauch machen, ähnlich dem Smart Capital eines Business-Angel-Netzwerks. Und weniger erfahrene Investoren hätten eine Orientierungshilfe für ihre eigene Investmententscheidung.

    Zurück zur Ausgangsfrage, was schafft Vertrauen im Crowdinvesting? Neben den vielen Facetten, die der komplexe Vertrauensbegriff mit sich bringt, scheint die Antwort recht simpel: Transparenz ist und bleibt der universelle Schlüssel zu Vertrauen.

     

    Sie wollen mehr zum Thema Crowdinvesting erfahren? Wir haben Ihnen hier die wichtigsten Fakten und Definitionen zusammengefasst.

    Was ist Crowdinvesting?

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    Florence Jaouat

    Florence Jaouat forscht an der Technischen Universität Berlin im Bereich Digital Platform Economy & Crowdfunding. Sie war zuvor bei einer großen deutschen Crowdinvesting-Plattform im Bereich Investor Relations tätig.

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