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    Kapital Digital Featured | 4 Min Lesedauer

    Digitalisierung: „Banken handeln nicht zukunftsorientiert“

    Sind Banken auf die Digitalisierung vorbereitet? Nur bedingt, sagt Claus Reder, Vorstandsmitglied der Volks- und Raiffeisenbank Würzburg eG. Ein Gespräch über das fehlende Bewusstsein zur Veränderung, vermeintlich krisenfeste Systeme und neue digitale Ökosysteme für Banken.

    Herr Reder, Banken müssen sich strategisch und organisatorisch auf die Digitalisierung einstellen. Wie sehen Sie die Bankenlandschaft in Deutschland dafür gerüstet?

    Banken sind sehr in ihren traditionalistischen Strukturen gefangen. Es besteht ein großer Nachholbedarf, um daraus auszubrechen und sich neuen Themen zu öffnen. Hier wird viel geredet, aber wenig getan. Eine Bereitschaft, Veränderungen überhaupt anzugehen – und das auch noch mit der nötigen Geschwindigkeit – sehe ich derzeit noch bei zu Wenigen.

    Woran liegt das?

    Einige deutsche Banken sind schon auf dem Weg, sich dem digitalen Wandel anzunehmen und sich darauf einzustellen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Bänker alleine die Richtigen dafür sind, um diese Veränderungen voranzutreiben. Hier sind zusätzlich Menschen mit anderen Fähigkeiten gefragt.

    Wieso sprechen Sie den Banken diese Fähigkeit ab?

    Das kommt aus der Tradition des Berufswesens heraus. Das Bankgeschäft war über Jahrzehnte vollkommen krisenfest, weil es grundsätzlich ein einfaches und effizientes Geschäftsmodell ist. Jetzt gerät dieses Modell von allen Seiten unter Druck.

    Und die Banken reagieren nicht darauf. Sind die Geldhäuser mit Digitalisierung, Nullzinsen und neuen regulatorischen Rahmenbedingungen überfordert?

    Nicht unbedingt überfordert, aber die Notwendigkeit etwas zu ändern war aufgrund des Bewusstseins, dass es sich scheinbar um ein krisenresistentes Geschäftsmodell handelt, überhaupt nicht gegeben. Veränderungen waren einfach nicht nötig. Nehmen Sie hingegen einen Unternehmer: der muss ständig am Puls der Zeit sein. Er muss nach Innovationen suchen, um sein Geschäftsmodell wettbewerbsfähig zu halten. Diesen Fragestellungen waren Banken sehr lange nicht ausgesetzt.

    „Es fehlt die Bereitschaft, um überhaupt Veränderungen anzutreten.“

    Hat die Bankenbranche die Digitalisierung unterschätzt?

    Bei einigen VR-Banken, Sparkassen und anderen Großbanken ist es leider noch nicht angekommen, dass die Digitalisierung keine Welle ist, die kurz über uns hinweg schwappt und anschließend wieder alles in Ordnung ist. Es ist ein dauerhaftes Szenario. Und das bringt die derzeitigen Ertragsmodelle von Banken massiv in Bedrängnis.

    Bei der Digitalisierung des Privatkundengeschäfts hat sich allerdings – auch aufgrund neuer Wettbewerber – durchaus etwas getan. Ganz anders sieht es im Firmenkundenbereich aus.

    Das liegt vor allem daran, dass das Geschäft mit Privatkunden wesentlich standardisierter abläuft. Das können Banken leichter in automatisierte Prozesse überführen. Im Firmenkundenbereich kann man das bei einem gewissen Prozentsatz auch. Jedoch werden die Anforderungen, die Unternehmen an Banken stellen, immer individueller. Sowohl in der prozessualen Abwicklung als auch im Vertrieb. Das lässt sich nur schwer automatisieren und in digitalen Prozessen abbilden.

    Was sehen Sie als die größte Herausforderung für Banken in Bezug auf die Digitalisierung?

    Es ist weniger eine technische Herausforderung, sondern vielmehr eine der Unternehmenskultur. Damit meine ich vor allem das Mindset der Verantwortlichen. Die notwendigen technischen Instrumente sind schon vorhanden, aber sie werden noch nicht genutzt.

    Ihre Firmenkunden ­– gerade KMU – müssen sich fortlaufenden digitalisieren. Ein funktionierendes digitales Ökosystem verspricht gute Bedingungen – für Banken und Unternehmen. „Beyond Banking“ heißt das Stichwort. Wie können Sie als Bank dabei unterstützen?

    Wir wollen einen möglichst hohen Grad an Vernetzung über Plattformen erreichen. Dazu nutzen wir die Synergieeffekte unseres bestehenden Netzwerks aus Firmen- und Privatkunden.

    „Banken müssen ihr Netzwerk klug miteinander verknüpfen  – und so ein digitales Ökosystem  schaffen.“

    Wie läuft das konkret ab?

    Wir haben beispielsweise eine Plattform aufgesetzt, auf denen wir unsere Privatkunden mit Handwerksbetrieben vernetzen. Mit den Unternehmen haben wir dafür einen Rahmenvertrag aufgesetzt. Das bedeutet, dass wir unseren Firmenkunden neue Aufträge sichern und gleichzeitig unseren privaten Kunden einen zusätzlichen Service anbieten. Für diese Dienste fällt dann eine Provision oder eine Gebühr an.

    Lassen sich mit dem ohnehin vorhandenen Wissen, das jede Bank über Privat- und Firmenkunden hat, neue Synergien erzeugen?

    Ja. So bauen wir ein digitales und regionales Ökosystem auf. Wir wollen das vorhandene Potenzial, das wir durch unser Netzwerk haben, voll ausschöpfen, um daraus neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dabei geht es im Grunde darum, die Bedürfnisse von Privat- und Firmenkunden zusammenzubringen – idealerweise digitalisiert auf einer Plattform.

    Wieso schaffen es nicht mehr Banken, dieses vorhandene Potenzial zu nutzen?

    Viele Banken kennen das Potenzial, das in ihren Netzwerken schlummert. Aber sie können es nicht umsetzen. Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor dem Mount Everest und waren davor noch nie Bergsteigen. Sie haben weder eine Ahnung, wie man diesen Berg besteigt, noch das notwendige Equipment. Die Digitalisierung ist für Banken ein Projekt, das scheinbar unmöglich zu meistern ist – und deshalb lassen sie es gleich sein.

    Die Finalisierung von Basel III wird die Eigenkapitalquoten verschärfen. Davon werden Banken und insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen betroffen sein. Wie gehen Sie damit um?

    Das stimmt zwar, es tritt aber noch nicht zu Tage. Banken handeln vor diesem Hintergrund allerdings nicht zukunftsorientiert. Da werden aktuell Kredite zu völlig unzureichenden Margen eingekauft, nur um die Forderungen an Kunden zu erhöhen. Das bedeutet, dass Kredite zu Konditionen vergeben werden, die nicht auskömmlich sind. Deshalb kommt Basel III beim Endkunden gerade noch nicht an.

    „Die Vorstände von Privat- und Großbanken denken nur an die nächsten Quartalszahlen – und nicht langfristig.“

    Warum handeln Banken auf diesem Gebiet nicht nachhaltiger?

    Weil die verantwortlichen Personen, wie z. B. Vorstände von Groß- und Privatbanken, innerhalb der Banken auch nur Angestellte sind. Sie gehen – anders als ein Mittelständler – nicht persönlich ins Risiko bei einer Investition. Denn da steht die eigene Existenz auf dem Spiel. Vorstände von Großbanken sind für mich eine Art Söldner, die nur an die nächsten Quartalszahlen denken. Sie handeln auch bei weitem nicht so nachhaltig, wie es eigentlich angebracht wäre. VR-Banken oder Sparkassen setzen hier auf ein anderes Geschäftsmodell.

    Was sagen Sie denen, die digitale Finanzierungsmodelle nicht als Chance, sondern als Gefahr für das eigene Kernbankengeschäft sehen?

    Dass sie leider die Welt noch nicht verstanden haben. Denn es ist keine Gefahr des eigenen Geschäfts, sondern eine Erweiterung dessen und ein neues Geschäftsmodell für Banken. Also ein zusätzlicher Baustein. Ich frage mich dann immer, ob man wieder so lange warten möchte, bis der Markt wieder verteilt ist – und Bänker nichts von der Entwicklung mitbekommen haben.

    Vielen Dank für das Gespräch, Herr Reder!

     

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